Behandlungen

Und Nietzsche weinte


Buch Nietzsche weinteEin Roman von Irvin D. Yalom,

1992 (When Nietzsche Wept).
Deutschsprachige Wiederauflage

2008 im btb-Verlag, München.

Aus dem Amerikanischen

übersetzt von Uda Strätling.
447 Seiten, 9,- Euro



Die Hauptakteure des Romans sind historische Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Der Wiener Arzt Josef Breuer, seine Patientin Anna O., sein Schüler, der Medizinstudent Sigmund Freud, der schwerkranke und drogenabhängige Philosoph und Querdenker Friedrich Nietzsche und die Femme Fatale und Schriftstellerin Lou (Andreas) Salomé aus St. Petersburg. Was man Biografisches über die Akteure erfährt, entspricht den Tatsachen. Doch das, was der amerikanische Autor Yalom, von Beruf Psychoanalytiker, in Szene setzt, ist genial erfunden. So hätte sich die Geschichte zugetragen haben können, wenn seine echten Personen so aufeinander getroffen wären, wie es sein Gedankenexperiment vorführt.
Kurz zum Inhalt des Romans: Die betörende Lou Salomé sucht den angesehenen Arzt Josef Breuer auf und bittet ihn um Hilfe. Er soll ihren väterlichen Freund Friedrich Nietzsche von seinen Migräne- und Kopfschmerzanfällen heilen. Und was Lou noch bedrückt: Nietzsche, der zurückgewiesene Verehrer, hat ihr mit Selbstmord gedroht.

Nach einigen raffinierten Winkelzügen der jungen Russin reist Nietzsche nach Wien und besucht Breuers Praxis. Der vielbeschäftigte Arzt will den zunächst störrischen Patienten einer »Redekur« unterziehen und überredet ihn, sich in die Lauzon-Klinik einweisen zu lassen. Nach den ersten Gesprächen, man erlebt gleichsam die Geburtsstunden der Psychoanalyse, lässt sich Breuer, was Nietzsche aber nicht weiß, von seinem hochbegabten Schüler, dem jungen Sigmund Freud beraten und inspirieren. Dass Freud später einmal zum Übervater dieser Wissenschaft werden soll, deutet Yalom in seinem Roman nur an.
Bald nimmt die Geschichte eine ungewöhnliche Wendung. Die Rollen beginnen sich zu verdrehen. Der Arzt wird während der Sitzungen mehr und mehr zum Patienten und Patient Nietzsche, der gnadenlose Denker, bemächtigt sich immer mehr der Rolle des Therapeuten. Breuer, der in eine seiner früheren Patientinnen Anna O. verliebt ist und ein unerfülltes Eheleben führt, beichtet seine Seelenpein, und Nietzsche sucht für ihn nach einer radikalen Lösung. Doch durch diese Beichte Breuers erkennt auch Nietzsche schließlich seine Obsession, die ihn an Lou fesselt.
Man erlebt das Duell zweier Geistesgrößen, die sich nichts schenken, die sich manches verschweigen und sich auch gegenseitig hintergehen und am Ende doch Freunde werden.
Yalom, der mit seinen Romanen aus dem Bereich der Seelenforschung internationale Bestseller landete, findet schließlich für diese Geschichte ein versöhnliches Ende. Hier im Originalton:
»Noch dreißig Jahre praktizierte er (Joseph Breuer) zufrieden als Arzt. Wandte jedoch nie wieder die »Redekur« an.
Am selben Nachmittag bestieg der Patient von Nummer 13, Eckhardt Müller (Deckname für Friedrich Nietzsche), einen Fiaker und ließ sich von der Lauzon-Klinik zur Bahn bringen, um nach dem Süden zu reisen, allein, Richtung Italien, der warmen Sonne, dem reinen Himmel und einem Stelldichein entgegen - einem ehrbaren Stelldichein mit einem parsischen Propheten namens Zarathustra.«

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