Behandlungen

Krankheit als Waffe

Buch Krankheit als Waffevon Rita Stiens
Paul List Verlag, München, 1996
ISBN 3-471-78823-9
440 Seiten, bei Amazon lieferbar,
zwischen 10,- und 19,- Euro




Ein hilfreiches Buch, dessen Botschaft man nach aufmerksamer Lektüre so schnell nicht vergessen wird. Denn jeder hat wahrscheinlich ähnliche Fälle, wie sie Rita Stiens beschreibt, erlebt oder leidvoll durchlebt - in der eigenen Familie, im engeren Freundeskreis oder am Arbeitsplatz.
„Das kann man mir nicht zumuten, bei meiner Krankheit!", oder „Du bringst mich ins Grab!" „Du hast meine Gesundheit auf dem Gewissen, du hast mein Leben ruiniert!" Solche Sätze kennt man und auch den Druck und die Ängste, die sie bei den Beschuldigten auslösen können. So werden Krankheiten - echte, eingebildete, übertriebene, simulierte - zur Waffe instrumentalisiert. Diese Waffe richtet sich gegen Kinder oder Lebenspartner, gegen Freunde oder Geschwister. Viele Krankheiten eignen sich dazu, andere unter Druck zu setzen, Migräne, Allergien, Diabetes, Magenbeschwerden, Ess-Störungen, Psychosen, Schlaflosigkeit, Asthma- oder Herzanfälle.

Die Autorin bringt es schon in der Einleitung ihres ehrlichen und wenig sentimentalen Buches auf den Punkt: »Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass Krankheit jedem eine Last ist. Vielen ist sie so willkommen, dass man ihnen alles nehmen darf - nur nicht die Krankheit. Sie ist ihnen ein Quell der Schonung, der Aufmerksamkeit, der Möglichkeit, andere zu manipulieren. Krankheit macht den Tat-Kranken stark... der Tat-Kranke hält sich für ein Opfer. Das macht seine einzigartige Stärke aus. Opfer haben eine Trumpfkarte in der Hand: Die Moral. Dem Schuld-Partner bleibt der Schwarze Peter: Die Täterschaft, der Verstoß gegen die Moral.«
Im Buch werden zahlreiche Fallbeispiele beschrieben, Gespräche mit Ärzten, Psychologen und Betroffenen aufgezeichnet und ausgewertet. So kann das Buch zu einem wichtigen Ratgeber werden. Es hilft nicht nur, zu erkennen, wann und wie man von kranken Bezugspersonen unter Druck gesetzt wird. Es zeigt auch Wege, wie man sich vom Druck und den Schuldgefühlen befreien kann.
Dazu sagt die Autorin unmissverständlich: »Über eines sollte man sich jedoch im Klaren sein. Es gibt keine Möglichkeit, Konflikte zu lösen und gleichzeitig die Angst vor dem Scheitern zu vermeiden. Der einzige Weg führt mitten hindurch.«
Ein Buch, das man nicht nur denen empfehlen kann, die sich befreien wollen. Man sollte es vielleicht auch manchem Kranken unauffällig auf den Gabentisch legen und abwarten, was dann passieren wird. Vielleicht erkennt sich der Beschenkte wieder und fühlt sich durchschaut. Dann ist die Frage, ob darauf die nächste Migräne oder Herzattacke folgen wird.

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